Alltag in Frankreich

Heute mal ein kleine Bericht, was denn so aktuell in Frankreich diskutiert wird und mir erwaehnenswert erscheint.

Auch hier wird natuerlich die crise banquaire (Bankenkrise) gross und breit durch die Medien gejagt. Der franzoesische Steuerzahler darf ebenfalls tief in die Tasche greifen, um einige Privatfirmen und deren raffgierige Manager zu retten. Diese bekommen dann auch noch einen parachute d’oree, einen goldenen Fallschirm, der ihnen eine sanfte Landung mit fetter Abfindung genehmigt.
Am Montag Nachmittag ist dann Frankreichweit fuer etwa 20 Minuten das Internet ausgefallen. Am naechsten Morgen meinte Eric, da sich die Boersen kurzzeitig erholt hatten, haben viele Leute uebers Internet wieder Aktien gekauft und damit das Netz der France Telecom ueberlastet. Merci !

Eine andere lustige Geschichte spinnt sich um die Justizministerin, Madame Rachida Dati. Die ist schwanger und hat bisher noch nicht den Namen des Kindsvaters preisgegeben. Was ja jeder Frau selbst ueberlassen ist. Nun aber hab ich auf Radio Toulouse gehoert, auf youtube gaebe es nun viele kleine Videos von Franzosen mit der Botschaft: “Ich bin nicht der Vater von Rachida Datis Kind“ Letzthin sagte auch der Sportminister nach einer Pressekundgebung diesen Spruch auf. Courage, courage !

Seit Dienstagabend gibt es ein neues, die Nation arg bewegendes Thema. Denn an diesem Abend gab es in Paris ein Fussballfreundschaftsspiel (!) zwischen Frankreich und Tunesien. Dabei gab es waehrend der Marseillaises (=franzoesische Nationalhymne) ein gellendes Pfeiffkonzert von den zahlreich anwesenden Tunesiern. Auch waehrend des Spiels ebbte es nicht ab. Nun geht die Debatte dahin, dass es eine Schande und nicht hinnehmbar sei, die Nationalhymne auszupfeifen. Es wird diskutiert, das Spiel in so einen Falle in Zukunft sofort abzubrechen und die Leute nach Hause zu senden. Ich moechte gerne sehen, wie es die Ordnungskraefte schaffen wollen, 80.000 zahlende Zuschauer aus dem Stadion zu bitten. Das gaebe Krieg. Dieser Vorfall war am Tag nach dem Spiel das Topthema in allen Hauptnachrichten im TV, wurde ueber 10 Minuten von allen Seiten beleuchtet und ziert die Titelseiten der Zeitungen.
Zum besseren Verstaendnis des Geschehens muss ich folgendes anfuegen: Das Auspfeifen der Hymne ist schon vor Jahren bei Fussballfreundschaftsspielen gegen Marokko und Algerien passiert. Diese 3 nordafrikanischen Laender sind zum einen ehemalige franzoesische Kolonien, zum anderen leben sehr viele Leute und deren Kinder und Enkel seit Jahrzehnten in Frankreich. Das, was wir in Deutschland mit/ueber/von den Tuerken bei uns diskutieren, das sind hier die Nordafrikaner. Die sind vielmals genauso benachteiligt, wie bei uns die Tuerken der 2. und 3. Generation. Man sollte sich also hier die Frage stellen:“Warum pfeifen eben diese Leute unsere und oft auch ihre eigene Nationalhymne aus?“ Aber Politiker denken da wohl anders als normale Menschen.

Aber wieder zu den angenehmen Seiten des Lebens. Heute war ich mit meinem neuen Kollegen Laurent auf einer grossen Messe in Montpellier. Hier stellten auch einige Installateure und Firmen aus unserem Bereich aus. Das Wetter war mit 23 Grad angenehm warm, eine leichte Brise. Wir beide haben auf der Messe viel gelernt. Was mich aber arg beeindruckt hat, war das Mittagessen. Ich war ja schon auf einige Messen, in Deutschland und im Ausland. Meist gibt es irgendeine fettige Bratwurst in einer alten, steinharten Semmel oder stundenlang weichgekochtes Gemuese mit Nudelpampe zu ueberteuerten Preisen. Auf dieser Messe jedoch gab es eine Restaurantstrasse mit 8 oder 10 Restaurationsbetrieben der verschiedensten Geschmacksrichtungen: Spezialitaeten aus dem Aveyron, aus Quercy und Lyon, den Antillen… Laurent und ich haben in einem syrischen Restaurent lecker gespeist. Und hinterher einen guten Minztee getrunken. Ja, so macht arbeiten Spass, da kann sich die Messe Muenchen eine grosse Ecke abschneiden. Vive la France!

2 Antworten auf „Alltag in Frankreich“

  1. Lieber Musti,

    eigentlich surfe ich nie viel und lang im Netz, weil ich einfach keine Zeit habe. Aber Deine Erlebnisberichte lese ich seit geraumer Zeit mit großem Interesse und auch nicht ganz frei von Neid: Hat schon was Schönes, für eine bestimmte Zeit nach Frankreich zu gehen, dort zu arbeiten und zu leben, nicht wahr? Interessant ist, dass Du zu sehr ähnlichen Einschätzungen kommst, gerade was Gesellschaft und Politik anbelangt. Und schön ist auch zu lesen, dass die Franzosen immer noch sehr viel Wert auf das genussvolle Leben legen. Da können wir Deutsche uns noch einige Scheiben davon abschneiden. Viel Spass weiterhin in Toulouse und Umgebung. Salut, et à bientôt à Munich! Max

  2. Hi Musti,
    bei so einer schoenen Lebeskultur wird Dir sicher nicht mal die „intersuff“ (O-Ton von Du weisst schon wem) abgeganghen sein!
    Jedenfalls freue ich mich auf das Willkommens- und Bilder- und Geschichten-Seminar!
    Der Alterspräsident!

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