Mein erstes Tabaski

musti am 11. März 2001.
Kategorien: Musti im Senegal.

Das wichstigste Fest der Muslime ist Tabaski, das Hammelfest, dieses Jahr am 6. März. Dieses Fest wird im Gedenken an Abraham beganngen, der seinen Sohn Isaak Gott opfern wollte. Bevor Abraham aber zum entscheidenden Schnitt ansetzen konnte, riet Gott Abraham, doch lieber einen richtigen Hammel zu opfern. Und dieses Fest ist auch hier im Sénégal ein ziemlicher Rummel. Wochen vorher wird schon über Hammel und deren Preise diskutiert und wo man am billigsten einen herbekommt. Es gibt dann eine richtige “opérations tabaski”, in der eine Bürobelegschaft aufs Land fährt und mehrere Hammel kauft. Vor Tabaski sieht man auf jedem Buschtaxi, auf jeder Ladefläche eines Pickup-trucks mindestens eins dieser blöckenden Viecher.

Im Zusammenhang mit Tabaski wurde auch die Maul- und Klauenseuche in Europa in der hiesigen Presse ausgiebig diskutiert. Denn durch die Seuche hat es den Muslimen in England, Frankreich und im restlichen Europa, das Hammelfest gehörig vermiest. Wer möchte denn schon an einem Festtag einen verseuchten Hammel essen? Was esst ihr denn jetzt eigentlich in Europa, angesichts Maul- und Klauenseuche und Rinderwahnsinn? Seid ihr alle Vegetarier geworden oder esst ihr nur noch Biofleisch? Es ist ja beinahe zum verrückt werden bei euch in Europa.

Die Sénégalesen betreiben vor Tabaski noch mehr Aufwand. Alles kauft und besorgt und gschaftelt rum. Ist es in Dakar schon zu normalen Zeiten schwierig mit dem Auto durchzukommen, vor Tabaski war es das reine Chaos, ständiger Verkehrskollaps. Auch in Kaolack ging es vor Tabaski zu, wie bei uns an einem Samstag vor Weihnachten in der Fussgängerzone. Händler und Käufer an allen Ecken. Tabaski hat für die Muslime die Wichtigkeit, wie bei uns Christen Weihnachten. Um euch mal ein Beispiel zu geben, in was für Unkosten sich die Leuten stürzen:
Lamin, mein Hausmeister in Kaolack, hat einen Hammel für 37.500 FCFA gekauft (der stand dann 2 Wochen in meinem Garten und blöckte mir die Nerven weg), einen neuen Boubou (10.000 FCFA) (das ist so Sitte, dass man sich zu Tabaski einen neuen machen lässt), einen neuen Rucksack (etwa 5.000 FCFA) und dann ist der über Tabaski mit dem Vieh in die Casamance, zu seiner Mutter mit dem Bus. Das kostet auch eine Stange Geld. Und das alles bei einem Monatsgehalt von 50.000 FCFA (= 150 DM)!

Ich wollte also tabaski bei dem Rest der Familie von Lamin feiern, der in Kaolack geblieben ist. Dazu musste ich erst mal am Samstag vorher von Dakar nack Kaolack mit dem Buschtaxi. Allein schon vom Büro zum Busbahnhof war nicht einfach, da nicht jeder Taxifahrer dort hinwollte, wegen Stau! Am Busbahnhof aber dann schon fast gähnende Leere, kaum Taxis nur Busse. Die sind zwar billiger, es dauert aber weit länger, an seinem Ziel anzukommen. Normalerweise ist dort auf dem Busbahnhof die Hölle los und du wirst fast überfahren. So hab ich also nun mit einigen Sénégalesen gewartet, weit und breit kein Taxi. Ein Senegalese hat dann nach einigen Verhandlunegn einen sept-place (Taxi mit 7 Fahrgästen) gemietet und so fuhren wir für 3.000 FCFA statt für 2.200 FCFA nach Kaolack. Jeder will sein Geld machen. Aus Dakar raus standen wir dann auch erst mal ewig im Stau. In Kaolack dann, wie gesagt, auch eine Unmenge Menschen, die ganzen Dörfler kamen in die Stadt, die auch noch schnell was einkaufen müssen. In den Büros war natürlich nicht viel los.

Kurzer Wetterbericht von Montag, 5. März, 15 Uhr:
Sonnenschein, leichter Wind, Temperatur im Haus bei 35°C, im Garten im Schatten 47°C, knochentrocken!

Und dann endlich Tabaski.
Christophe und ich sind so gegen 10 Uhr von Bassirou, Yaya, Famarra und den anderen Männern abgeholt worden. Sie hatten alle neue, schöne Gewänder an und kamen gerade aus der Moschee vom Morgengebet. Christophe und ich hatten natürlich auch was gutes angezogen, aber einen Boubou hab ich mir nicht machen lassen. Im Haus, wo die Frauen und die anderern Familienmitglieder warteten, dann grosses Hallo und herzliches Begrüssen, man kennt sich ja schon seit einiger Zeit.

Der Hammel stand schon zur Hinrichtung bereit. Ich ging noch schnell zu Daba, der ältesten Frau im Hause, und überreichte ihr unsere Mitbringsel (Bananen, Orangen, Kekse, Zucker, Tee, Saft). Dadurch verpasste ich den entscheidenden Schnitt (ein kurzer Schnitt, ein langer Schrei und aus ist’s mit der Blöckerei!). Als ich dazu kam, lag der Bock schon mit dem Hals über dem kleinen Loch im Garten, blutete aus, röchelte etwas, kackte nochmal ein letztes Mal ab und wurde von den Männern festgehalten. Dann wurde das Tier an einen Baum im Hof gehängt, gehäutet, zerteilt und ausgenommen. Hab natürlich alles ganz genau beobachtet, als Grossstadtkind bekommt man sowas nicht alle Tage zu sehen. Die wenigen Innereien, die nicht gegessen werden, sowie der Magen- und Darminhalt wurden in eine zweite Grube geschmissen. Blut und Darm in ein Loch werfen, das geht nicht, hab ich mir erklären lassen. Abdou, der Haushaltsvorstand, sagte mir, der Hammel habe 35.000 FCFA (=105 DM) gekostet, ein stolzer Preis für ein stolzes Tier. Man kann natürlich noch teurer einkaufen. Das Häuten hat mich irgendwie an die Ausstellung “Körperwelten” erinnert, in der Menschen und Körperteile ausgestellt wurden, die vorher plastiniert (verhärtet) wurden. Das Ausnehmen war schon etwas würg, ist halt doch ein Unterschied ob im Kino gemetzelt wird oder in echt, live und in Farbe. Aber das ganze ist schon eine Arbeit, die man verstehen muss, besonders das Häuten. Ich hätte da sicher desöfteren daneben gesäbelt und irgendwas zerschlitzt.

Christophe und ich haben uns dann mit Bassirou und Yaya in den Schatten verzogen, Karten gespielt, geratscht und vor allem Wasser getrunken. Selbst der Wind war nicht die geringste Abkühlung. Christophe hatte den Jungen vorher einen Plastikfussball geschenkt und als ich die Luftballons auspackte, war die Freude noch grösser. Die beiden ältesten Mädchen, etwa 10 Jahre alt, hatten Angst, wie ich den ersten Luftballon aufblies, und hielten sich die Ohren zu. Als aber dann jedes der 6 Kinder seinen Ballon hatte, waren sie nur noch am Rumtoben und hochzufrieden, c’est la fête!

Dann, gegen 12 Uhr, gabs die erste Lage zum Essen, gegrillte Leber (fett), mit Zwiebeln und Brot, sehr lecker. Dann wieder Karten spielen, ratschen. Das Mittagessen, um 14 Uhr, bestand dann aus dem guten Fleisch, Zwiebeln, Kartoffeln, Makkaroni. Ein richtiges Festessen. Normalerweise kocht die Familie, von der Ethnie der Diola, glücklicherweise nicht sehr fett, aber heute triefte das Fett nur so an allen Ecken. Das Essen war total lecker, irgendwann bist du satt und alle sagen “iss doch noch was, heute ist Feiertag”. Danach etwas zurücklehnen, ausruhen, ein kleines Nickerchen im Schatten machen. Das ist vollkommen in Ordnung, machen die Senegalesen auch. Dazwischen ataya (Tee mit viel Zucker) trinken, Kekse, Obst.

Gegen Abend dann allgemeiner Aufbruch, hauptsächlich der Männer, um Freunde und Verwandte zu besuchen, Christophe und ich “mussten” natürlich mit. Die Kinder haben auch noch mal ihre neuen Boubous angezogen und sind von Haus zu Haus gezogen, um Geld oder andere kleine Geschenke einzusammeln. Vom Geld werden dann später Süssigkeiten gekauft, eh klar. Auf den Strassen gings zu, wie ich es in Kaolack noch nicht erlebt hab. Kinder, alle in den schönen, neuen Gewändern, Erwachsene, ständiges Grüssen, ein ständiges hin und her und die Taxis haben heute ein Vermögen gemacht. Die Besuchten waren hoch erfreut, dass wir ihnen die Ehre gaben. Uns wurde ataya und bissap zum Trinken und immer noch wurde uns etwas zum Essen angeboten, was wir aber höflich ablehnten.

Nach den Besuchen sind Christophe und ich kurz bei uns vorbei, eine heisse Dusche (Regelung der Wassertemperatur an der Dusche gibt’s nicht, ich bin schon froh, wenn es überhaupt Wasser gibt, da zu Zeit die Wasserversorgung in Kaolack nur sporadisch funktioniert), frische Sachen anziehen und wieder zur Familie zurück. Zum Abendessen gab’s die Reste des Tages, immer noch eine ganze Menge, obwohl wir etwa 20 Leute waren. Ich konnte nicht mehr essen, es war zu viel und zu fett, ich war kurz vorm Platzen. Nur noch trinken. Und danach Fernseh schauen, Champions League Olympique Lyon – Bayern München, was für Gurken diese Bayern, ich hätt mich ja fast schämen müssen, dass ich aus der gleichen Stadt komme. So langsam haben Christophe und ich uns verabschiedet, pappsatt, glücklich und müde.

Ein schöner Tag.

Bisher ein Kommentar.

kaddy

Kommentar on April 21st, 2010.

gute beschreibung ;)

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