Starke Maenner und hohe Berge

Nun ist also die zweite Halbzeit meines Aufenthalts angebrochen. Ich kenn mich in Toulouse und Umgebung einigermassen aus, es gibt jetzt viele Veranstaltungen und wir haben im Buero zwei Verkaeufer. Alles in Frankreich, egal ob Haeuser, Futtermittel in der Landwirtschaft oder Waschmaschinen werden ueber Verkaeufer an den Kunden gebracht. Also muss wohl auch die Solarbranche so laufen. In Deutschland findet man hier haeufig den Vertriebsingenieur, also jemanden mit technischem Hintergrund, der auch verkauft. Hier in Franlreich wuerde sich anscheindend niemals ein Ingenieur fuer die niedere Taetigkeit des Verkaufens hergeben. Der sitzt lieber im Buero und tueftelt ueber seinem Computer und den Berechnungen. Der Verkaeufer treibt sich auf der Strasse und beim Kundn rum. Meine Aufgabe ist es nun, Laurent und Jordan, den Neuen, den Unterschied zwischen Solarmodul und Wechselrichter beizubringen, sie mit dem Warenwirtschaftssystem vertraut zu machen und ihnen die Kunden anzuvertrauen. Da die beiden aber schon langjaehrige Verkaufserfahrung im Allgemeinen haben, kann ich sicher auch noch einiges von Ihnen lernen.

Am Samstag vor einer Woche war ich mit meinen franzoesischen Chef Eric und seinem Sohn Nicolas im Rugbystadium, wo Toulouse gegen Perpignan gespielt hat, der 2. gegen den 3. der Ersten Liga („Top 14“ genannt). Es war sonniges Wetter, die Fans, jung und alt, standen friedlich rum, tranken mit den Perpignangern ein Bier und warteten auf den Anpfiff. Wir hatten Plaetze in der ersten Reihe, 20m weg von der Seitenlinie (ohne Schutzgitter!), mittendrin statt nur dabei. Ich bin ja durch American Football einiges gewohnt, aber die Rugbyspieler haben echt einen an der Waffel. Als Football-Trainer sag ich meinen Jungs immer „Es kann Dir nichts passieren, wenn Du in Deinen Gegner hineinrennst, denn Du hast ja Helm und Schulterpolster an.“. Aber was erzaehlt der Rugbytrainer seinen Jungs? Denn die haben ja nur ganz normale Sportkleidung an und tackeln sich genauso, wie wir American Footballer. Es war ein spannendes Spiel (30-20 fuer Toulouse!!) und der Herr neben mir hat mir zum Glueck einige Regeln erklaert. Beim Rugby gibt es schwere Jungs, die fuers Rumschieben zustaendig sind und schnelle, wendige, die meist den Ball tragen. Wenn aber, wie bei Perpignan, ein Kerl so breit und hoch wie ein Kleiderschrank sich mit den Ball durch die Reihen tankt…wow… dann gibts einen guten Tackle, jeder steht auf und spielt weiter. Ein verweichlichter Fussballer wuerd 3 Monate nicht mehr die Augen aufmachen. Ich fands toll und werd, wenn moeglich, noch ein weiteres Spiel ansehen: toulousain, toulousain!!

Am Tag danach bin ich mit dem Zug nach Pibrac, etwa 30 km westlich von Toulouse, auf eine kleine Wanderung. Der Ort Pibrac liegt, wie so viele Orte hier, auf einem Huegel. Da das Schloesschen und seinen Nebengebaeude bewohnt sind, kann man „nur“ im Park spazierengehen. Danach rauf auf den Huegel zur Kirche der Sainte Germaine. Ich war sehr erstaunt zu sehen, dass dieser Schutzheiligen nicht nur eine grosse Kirche, eher eine befestigte Schutzkirche im Backsteinbaustil, sondern auch eine riesige, helle Basilika mit schoen gestalteter Fassade gewidmet ist. Beide Gebaeude stehen etwa 1000m ausseinander und sind durch eine, mit Pinien gesaeumte Allee verbunden, die eine reine Fussgaengerzone ist. Dazwischen das in allen franzoesischen Doerfern obligatorische Mahnmal fuer die Gefallenen des 1. Weltkrieges, der hier in Frankreich noch oft „la grande guerre“ (der grosse Krieg) heisst. In der Kirche waren alte Fotos von Wallfahrten Anfang des 20. Jhd. Menschenmassen auf der Allee, unglaublich bei der Leere am Sonntagmorgen. Bin dann auf der anderen Seite den Huegel runter in ein kleines Flusstal und im Schatten dem Fluss gefolgt. Dies war der schoene Teil der Wanderung. Spaeter bin ich ueber die platte Ebene gewandert, rechts und links abgeerntete Sonnenblumen- und Maisfelder. Und da es seit Wochen nicht mehr gscheid geregnet hat, war die Erde aufgerissen und knochentrocken. Dieser Teil war eher langweilig.
Ach ja, in und um Toulouse hoert man oft Deutsch. Auf meiner Wanderung kamen 2 Mountainbiker daher, mal ein Paar in einer Kneipe am Nebentisch. Airbus und seine Zulieferer haben in Toulouse einen grossen Standort mit vielen deutschen Ingenieuren. Es ist schon lustig, in der Keipe zu sitzen, die Leute nebenan genau zu verstehen und diese sich in Sicherheit wiegen lassen, sie koennten sagen, was sie wollen. Aufgepasst!

Letztes Wochenende war ich wieder mal in den Bergen, bei meinen Freunden Alexander und Ulrike in Foix. Am Samtagnachmittag sind wir mit den beiden Jungs Florian (6) und Simon (3) zum Chateau de Roquefixade, eine halbe Autostunde oestlich von Foix. Ueber dem gleichnamigen Dorf steht die Burgruine auf einem Felsvorsprung. Und die Fahne von Occitania war gehisst. In alten Zeiten hiess die Gegend von Bordeaux ueber Montpellier bis nach Nizza und ins angrenzende Italien „Okzitanien“ mit einer eigenen Kultur und Sprache, die heute wieder auflebt. Am Anfang unserer Wanderung blieben wir erst mal in den Brombeeren haengen. So gross, so saftig, so suess hab ich sie lang schon nicht mehr gegessen und in dieser Masse lang nicht gesehen. Finger und Mund blau, weiter rauf auf den Spitz und zur Ruine. Dort oben angekommen hatten wir einen schoenen Blick auf das vor uns liegende Tal und die Berge. Den beeindruckensten Blick hatten wir jedoch auf dem Rueckweg, als vor uns die Ruine lag, die rote Occitaniafahne im Wind flatterte und im Hintegrund die sonnenbeschienenen Berge, auf den Spitzen ganz leicht der erste Schnee zu sehen. Ich bin und bleib ein Bergfex!

Am Sonntag sind wir nach Andorra, das kleine Principat zwischen Frankreich und Spanien in den Pyrenaeen, was eigentlich nur eine Hochebene (zwischen 1000m und 2000m) ist, mit ein paar kleinen Doerfern. Aber Kommerz und Tourismus machens moeglich. Da ja Andorra ausser Bergen und Kuehen nix zu bieten hat, ist das halbe Land mit Skipisten und Skiliften zugebuegelt, die bis auf 2500m hochgehen. Und gleich hinter der Minigrenze, im Ort Pas de la Casa, befindet sich ein „Freiluftsupermarkt“ (so nenne ich das): Alle Haeuser (im ganzen wohl 50 an der Zahl) nur Supermaerkte, wo es billig Tabak, Alkohol, Parfum, Elektrogeraete, Skisachen,… gibt. Der Durchschnittsfranzose faehrt dann noch 300m weiter zur ersten Tankstelle (maechtiger Stau) und das wars. Und traegt Alk und tabak, so viel er tragen kann zurueck ins Auto. Wir sind weiter ueber den Pass und ins Nebental. Dort haben wir eine kleine Wanderung gemacht, am Fluss entlang, sind auf Felsbloecken rumgekraxelt (andere nennen das „bouldern“). In der Sonne war es angenehm warm, aber der Wind war schon arg frisch, hier auf 2000m. Die von hier aus zu sehende Suedseite der Berge sind runde Grasbuckel, die Nordseite aber Felszacken, in denen es auch Klettersteige gibt. Da muss ich nochmal hin. Am Parkplatz warteten dann unangenehme Gaeste auf uns: Pferde. Durch andere Wanderer verwoehnt dachten sie, auch bei uns ein paar Leckerlis abzubekommen. Wir wollten aber nicht. Die Pferde draengelten sich naeher ans Auto, den Kindern war schon nicht mehr wohl zumute. Ich sass auf dem Beifahrersitz und wechselte von den Bergschuhen in die normalen, und dieses Riesenross zwaengte seinen Kopf ins Auto und schnueffelte an mir rum mit seiner Triefnase. Auch der Versuch von Alex, die Tiere wegzuschieben war kein dauerhafter Erfolg. Also rein ins Auto und langsam davonfahren.

Wie ihr seht, wieder mal ein gelungenes Wochenende. Da kann man entspannt in die Arbeit gehen.

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